Über die Liebe zum Detail

 

Das Bild

 

Die Illusionsmalerei

 

Die Skulptur

 

Malerei ist für mich immer wieder der Versuch, einzudringen in ein Thema - größere Zusammenhänge verstehen zu wollen und der Wunsch, der Betrachter möge diese Suche nachvollziehen - ein Stück seiner Selbst darin entdecken. Der Wunsch, er möge Spaß daran haben und diesen auch bei längerer Beschäftigung nicht verlieren.

Ist das Thema erst einmal festgelegt, entstehen in der Regel gut 30 Skizzen, bevor die eigentliche Arbeit an der Staffelei beginnt. Beim Übertragen des endgültigen Entwurfes auf die Leinwand erlebe ich immer wieder neu, von welcher Bedeutung die Ausgewogenheit ist. Optische Schwerpunkte verlangen nach Gegengewichten - Licht wird erst zu Licht, wenn man den Schatten dagegensetzt - Plastizität und Tiefe kommen erst zur Wirkung, wenn man helle gegen dunkle - warme gegen kalte Farben setzt.

Jedesmal gehen mir dabei die gleichen Gedanken durch den Kopf. Jedesmal habe ich das Gefühl, es mit universellen Gesetzen zu tun zu haben. Ist es nicht so, daß dieses Gesetz der Ausgewogenheit überall existiert? Unsere Erde entwickelt bei ihrer Reise um die Sonne exakt die Fliehkraft, mit der sie von der Sonne angezogen wird. So treibt unser Globus weder ins All, noch fällt er in die Sonne. Halten wir einen Gegenstand in der Hand, müssen wir genau die Kraft aufwenden, mit der die Erde ihn anzieht. Die ganze Mathematik baut auf Ausgewogenheit auf (Gleichung) und die Biologie lehrt uns, daß, wenn man ökologischen Systemen Faktoren entfernt, das System umkippt. Und jedesmal, wenn mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, stellt sich das Gefühl ein, in große Gesetze und Zyklen des Universums eingebunden zu sein. Eine Sehnsucht stellt sich ein - eine Sehnsucht, das alles verstehen zu wollen - und der Wunsch, eine großartige Empfindung weiterzugeben.

Speziell bei der Arbeit an größeren Formaten, wenn ich Detail für Detail erarbeite und wenn so, mosaikartig, das Gemälde zusammenwächst, stelle ich fest, daß jedes dieser Details eine kleine Welt für sich ist. Trotzdem steht es nicht isoliert da. Es kommuniziert mit den anderen kleinen Welten. Farblich, kompositorisch, thematisch, sich dem großen Ganzen unterordnend - den optischn Gesetzen folgend, ein freies Eigenleben in einen größeren Zusammenhang bringend. Es ist geradezu eine meditative Arbeit, eine Arbeit, die zu immer neuen Ideen führt und Veränderungen am ursprücnglichen Konzept verlangt. Ich habe das Gefühl, bei jeder Arbeit zu wachsen und wenn das Gemälde fertig ist, stellt sich mir immer wieder die Frage, ob ich noch der gleiche Mensch bin wie zuvor. Und wieder kommt der Wunsch auf, dem Betrachter dies weiterzugen.

Rolf May, Altendiez, Mai 1987